„Wir haben ja keine Wahl!“

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Am Freitag hat mich mein wöchentlicher Besuch zur Bastel- und Nähgruppe in der Gemeinschaftsunterkunft Wernsdorf geschafft: Ich bastelte kleine Dampfer aus Papier mit den meist afghanischen Kindern als Dania eine der Syrerinnen aus Homs zu mir meinte: „Oh, it looks good. I can use it for the next journey over the sea.“ Ich lachte mit ihr, aber ein Teil des Lachens blieb mir im Hals stecken.

Bastel- und Nährunde in Wernsdorf

Seit nun 7 Wochen fahre ich mit Freunden einmal die Woche in die Unterkunft. Aus dem Aufruf in einer Facebook-Gruppe, ob mal jemand kommen könnte und den Frauen zeigen könnte, wie die gespendete Nähmaschine funktioniert, wurden regelmäßige Treffen. Es gibt kein Konzept, keinen Plan für diese Nachmittage und einige, die mitkamen, sind verschreckt. Wir treffen uns in einem 20qm kleinen Raum voll mit ca 20 Kindern und 10 Frauen. Manchmal sind Männer dabei, aber eher selten. Es ist meist laut, chaotisch und anfangs immer sehr hektisch. Wir bringen immer etwas mit. Anfangs viel Stoffe und Kurzwaren, dann immer mehr Wolle, Strick- und Häkelnadeln und Spielzeug. Dank unglaublich hilfsbereiter Freunde konnte wir zudem viele Wörterbücher kaufen und hinbringen. Unsere Amazon Wunschliste wird regelmäßig leer gekauft und täglich trudeln hier immer wieder kleine Päckchen ein.

Es ist laut, es ist chaotisch.

Anfangs schauen alle, was wir diesmal dabei haben und das ist für mich immer der stressige Teil. Vor allem die Kinder greifen nach allem an Spielzeug und Süßem, was sie nur bekommen können. Dabei gehen die Sachen schon mal kaputt, bevor überhaupt nur einer damit spielen konnte. Wir versuchen über Aushänge und das Verteilen durch die Mütter das Anfangs-Chaos nach und nach in den Griff zu bekommen. Wir müssen eben alle voneinander lernen.

Doch neben dem Verschenken von Sachen und Spielzeug ist für mich das wichtigste immer das Reden, das Kennenlernen. Die ersten Wochen half ich nur beim Einfädeln der Nähmaschine. Wir unterhielten uns mit Händen und Füßen und wussten alle noch nichts von einander. Für mich waren die Geschichten aus den Medien über Geflüchtete noch immer abstrakt und auch diese Gesichter, die ich ja nun kannte, wollten sich noch nicht in die Bilder aus den Nachrichten einfügen. Selbst den Unterschied zwischen Afghanen und Syrern hab ich nicht erkannt, weder in der Sprache noch im Verhalten.


Seit ein paar Wochen wird immer weniger genäht. Entweder ich stehe zwischen den afghanischen Jugendlichen, die so wunderschön kichern und träumen von Basketball, Volleyball, Gitarre spielen, Musik und endlich Schule und übe mit ihnen Deutsch. Für die vier 14jährigen Mädels hatte ich endlich mal einen Grund, meine Handtaschen auszusortieren und hab ein Kreischkonzert ausgelöst als ich sie damit überraschte.

Manchmal setze ich mich einfach hin und bastle bei den Kindern mit. Susann und ihr Mann Sebastian, die ebenfalls jeden Freitag dabei sind, denken sich jedes Mal tolles für die Kleinen aus. Wir bringen auch oft unsere eigenen Kinder mit und staunen über die Geschwindigkeit, wie schnell diese ihre anfängliche Furcht vor dem Fremden ablegen.

Why to think about? We have no choice.

Am letzten Freitag aber blieb ich zwischen den syrischen Frauen aus Homs sitzen. Die Frau, die sonst immer lächelte und so robust und voller Lebensfreude ist, gern bunte Tücher und Kleider trägt, sah heut traurig aus und war ganz still. Ich fragte nach und bekam erzählt durch Dania, dass das Kind ihrer Schwester in Syrien gestern getötet worden sei. Da bekamen diese vielen Schicksale, die ich in den Medien gelesen habe, wieder mehr ein greifbares Gesicht. Ihr und mir stiegen Tränen in den Augen und wir brauchten keinen Übersetzer, um uns zu verstehen. Sie fragt, ob ich nicht mit in ihr Zimmer auf einen Kaffee kommen will. Da sei es ruhiger. Ich gehe mit und schlucke den dicken Klos runter. Ich lege ihr meine Hand an den Arm, so wie sie es alle so oft bei mir tun, als Dank für die Nichtigkeiten, die ich tue. Und so sitze ich in dem kleinen Bungalow, der so sauber und ordentlich ist, der ein bisschen nach geregeltem Leben aussieht. Das Schlafzimmer ist auch Wohnzimmer und wir sitzen auf dem Bett vor einem kleinen Tisch. Ihre Gastfreundlichkeit rührt mich so sehr. Ich frage, ob es ihnen hier gefällt im Wald in Wernsdorf und ich höre heute schon zum zweiten Mal den Satz „Why we should think about? We have no choice!“ Das erste Mal sagte Dania diesen Satz als sie mir von ihrer Überfahrt mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland für $1000 erzählte. Ich bekomm es einfach nicht in meinen Kopf. Für das Geld fliege ich super bequem bis in die Staaten und zurück und auch da sagte sie „Why to think about, we have no choice.“

Dieser Satz traf mich sehr, denn noch auf dem Weg in die Unterkunft im Auto war ich voller  Grummel, weil es mit einem Auftrag nicht klappen wollte. Ich war schon Tage deswegen mies drauf und habe auf mich und die Welt geschimpft und dann sitze ich in dem kleinen Raum mit türkischem Kaffee und Gebäck und fühle mit einer Frau, die einen eigenen Coiffeur Salon in Homs hatte, einen Mann, der ein gut verdienender Koch war und einer Frau, die Englisch-Lehrerin war und in allem nur das beste und positive sieht. Sie alle haben mein Alter zwischen 32 und 35 und eigentlich stecken wir alle in Mitten unserer Lebens-Rush-Hour. Wir sollten über Probleme mit unseren Kindern und der Vereinbarkeit von Job und Familie reden als über getötete Kinder. Wir reden auch über Politik, über den Irrsinn, dass die Deutschen Politiker den Familiennachzug verhindern wollen, während sie mit den Nachrichten ihrer Freunde klar kommen müssen, dass wieder einer von ihnen gestorben ist. Während sie hier im Wald sitzen und warten und schlafen und nichts tun können.

Was würden wir tun?

Ich frage mich immer, was würden wir tun? Würden wir nicht meckern und schimpfen auf alles und die Welt? Wir haben doch nichts für unser Glück getan, nicht vor Krieg und Armut flüchten zu müssen, alles aufzugeben und nicht zu wissen, ob dieses andere Land überhaupt bereit ist, uns neu anfangen zu lassen. Ich wüsste nicht, ob ich diese Lebenslust behalten könnte, die ich bei einigen der Frauen spüre. Sie haben unser aller Hilfe mehr als verdient und da gibt es kein Aber. Wenn Deutschland seiner Biedermänner doch einfach nur wieder hinter ihre Gardinen-behangenen Stammtische der 20er Jahre verbannen könnte und wir konstruktiv über die Aufgaben sprechen könnten, die anfallen, wenn ein Land lauter Einwanderer aufnimmt und all die damit verbundenen Chancen sehen könnten. So viel ist aktuell möglich und Bestehendes kann sinnvoll hinterfragt und neu gedacht werden. Ich hoffe, es wird dann ein Deutschland geben, von dem ich das erste Mal behaupten kann, stolz auf meine Herkunft zu sein.

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