Was tun, bevor es brennt?

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Dieser Text hier liegt seit August in meinem Entwürfsordner (immer wieder umgeschrieben, erweitert und gestrichen), er wollte sich einfach nicht fertig schreiben lassen. So bedeutungslos erscheinen mir meine Gedanken zu dem Thema „Flüchtlingskrise“, so viel ist schon geschrieben worden, soviele Meinungen sind geteilt und geliked worden. Mit meinem Text will ich nicht noch eine weitere Meinung ohne Inhalt teilen, denn eigentlich begann ich diesen Text mit nur einem einfachen Wunsch: Ich will helfen!

Ich wohne nicht in Berlin und die Brandenburgischen Strukturen von Hilfe für Flüchtlinge stellten mich vor eine ungeahnte Herausforderung. Mit dem Entschluss, man muss doch was tun, ging ich auf die Suche. Angesteckt von der Informationsvielfalt in Facebook zu Hilfsmöglichkeiten suchte ich ähnliche Angebote hier in meiner Nähe.

Ernüchternd stellte ich im August fest, dass es erstens kaum Flüchtlingsheime bei uns im Umkreis von Königs Wusterhausen gab und auch scheinbar in den Kommunen kein Interesse daran bestand, Unterkünfte bereit zu stellen und zweitens auch wenig Strukturen für schnelle Hilfe bestanden. Dennoch gab es sehr viel Meinung und leider auch von „besorgten Bürgern“. Damit wurde ich konfrontiert, als ich in der größten Facebook-Gruppe rund um Königs Wusterhausen die Frage stellte, wo ich denn nun am besten Sach-Spenden hinbringen könnte.

Schon vor 20 Jahren konnte ich noch als Jugendliche in KW eine besonders hartnäckige rechte Struktur feststellen und erleben. Ich hatte die naive Hoffnung, dass es diese Strukturen nicht mehr gibt. Neben dem „besorgten“ Biedermeier-Kleinbürgertum gibt es hier aber nun noch immer ein sehr fremdenfeindliches Klima. Vor über 20 Jahren (1992) hatte das zur Folge, dass eine Asylantenunterkunft in Dolgenbrodt in Brand gesetzt wurde. Der Anschlag von Neonazis wurde erschwerend durch Dorfbewohner bezahlt, wie sich später herausstellte.

Ich muss jetzt was tun, damit es nicht brennt.

Im Sommer, als immer klarer wurde, dass jeder Ort, etwas beitragen muss, um den Geflüchteten eine Unterkunft und Perspektive zu schaffen, war bei mir die Angst wieder da, dass ich inmitten von Brandstiftern wohnen könnte. Deswegen wusste ich, ich muss jetzt was tun, damit es nicht brennt. Ich muss einfach helfen. Hinterher zu debattieren, warum, was wie gelaufen ist, kommt mir heuchlerisch vor.

Also begann ich meine Mission und nutzte eben die Strukturen, die ich täglich hatte, denn jede Art Hilfe macht auch die Positionen deutlich und konfrontiert. Mit ein paar Eltern organisierten wir im September auf einem Kinder-Sachen-Flohmarkt unserer Kita einen Spendenaufruf. Ich nahm Kontakt auf, mit den beiden Unterkünften (mittlerweile haben wir 4 Unterkünfte im Umkreis. Eine davon ein Notunterkunft in einer Lager-Halle), die es damals gab und fragte ihren Bedarf ab, so dass wir gezielte Spenden sammeln konnten. Es kam sehr viel zusammen. Wir sortierten vor und verpackten alles. Dennoch mussten wir die Sachen noch einen Monat in zwei Kellern zwischenlagern, da es sich herausstellte, dass die Unterkunft keine Lagerkapazitäten mehr hätte. Ich telefonierte mit allerlei Leuten und bekam ein erschreckendes Bild der Unterkunft dort mit einem schrecklichen (fremdenfeindlichen) Betreiber, der alles anderes als Hilfe für die Flüchtlinge im Sinn hatte.

Das Spendenlager mussten die Ehrenamtlichen auslagern, da der Betreiber keine Räume zur Verfügung stellte. Dort waren die Kapazitäten jedoch komplett erschöpft, da die Ehrenamtlichen keine Zeit zum Sortieren und Verteilen hatten.

Ich sah ständig bei den Berliner Freunden, wie einfach und schnell sie sich besonders bei den Sachspenden mit Hilfe von digitalen Tools organisierten. Solche „digitale Hilfe“ wurde hier kaum bis gar nicht genutzt. Alles funktionierte noch mit Absprachen, was natürlich eine enorme Organisationsleistung der Initiativen zur Folge hatte. Ganz eigennützig (ich wollte ja die Sachen aus dem Keller raus bekommen) bot ich also an, einen Aufruf für eine Sortier-Aktion zu machen. Ich nutzte allerlei lokale Facebook-Gruppen und auch das neu gelaunchte Helpto-Portal. Trotz sehr spontanem Aufruf kamen 10 Leute, um für 6 Stunden alles zu sortieren.

Die Ehrenamtlichen waren verwundert und positiv überrascht, dass ihnen O-Ton – „das Portal“ (sie meinten damit Facebook) so helfen könne. Daraus entstand für mich die Idee, dass ich vielleicht am besten helfen kann, wenn ich den bereits Engagierten, meine Digital-Kompetenz anbiete.

Das hatte auch zur Folge, dass ich plötzlich Einladungen erhielt zu Sitzungen und Koordinierungskreisen von Initiativen, aber auch von der Stadt. Selten schaffte ich es zu solch einem Termin und wenn bestätigte das mit unter meine Abneigung gegen solche Zusammenkünfte. Ich sehe jedoch ein, dass ich digitale Hilfe nur über solche „analogen“ Zusammenkünfte vermitteln kann und stelle mich bereitwillig meinem Asta-Trauma von nächtelangen Stupa-Sitzungen.

Zukunftswerkstatt in Königs Wusterhausen

Ein erster Schritt war sicherlich die am Wochenende stattgefundene „Zukunftswerkstatt“ im Rathaus von KW. Hierzu wurden vom Bürgermeister alle Vereine, Institutionen (Vertreter von Polizei, Landratsamt, Schulen, Kita), Initiativen, Einzel-Engagierte, aber auch bereits länger hier lebende Flüchtlinge eingeladen zu definieren, wie die Flüchtlingsarbeit in KWh besser strukturiert werden kann.

Ich kam ohne Erwartungen und war enorm positiv überrascht, wie professionell dieser Tag geplant und umgesetzt wurde. Ganz im Sinne von den uns branchen-bekannten Moderations-Methoden, gab es Brainstorming-und Arbeitsgruppen-Sequenzen. Es gab Raum zum direkten Austausch und Vernetzen. Eine recht große Runde (ca. 40 Teilnehmer) nahmen sich ernsthaft die Zeit an einem Adventssamstag konstruktiv zu arbeiten, auch wenn ich oft feststellte, dass diese Arbeitsmethode vielen etwas befremdlich vorkam.

Es entstanden am Ende konkrete Projekte, aber auch die Identifikation von Problemen, die über den Wunsch nach Zentralisierung einfach nicht zu bearbeiten sind. Die Ergebnisse sollen einfließen in die Aufgaben für die ab Januar besetzte Stabstelle Flüchtlingskoordinator/in der Stadt. Ich konnte mein Hilfsangebot noch konkreter platzieren und wurde zu Folge-Veranstaltungen eingeladen, das Digitale besser zu vertreten. Ich gewann auch noch mehr Respekt vor der Leistung der Ehrenamtlichen, die scheinbar unmenschliches leisten. Aber auch die staatliche Überforderung mit dieser Situation wurde deutlich. Da hilft nur hoffnungvoller Prakmatismus, den es scheinbar tatsächlich in KW gibt.

Suspekt ist für mich immer noch, dass das Digitale und vor allem die sozialen Netze so gut wie allen Anwesenden ein Begriff waren, ihre Macht mitunter nicht genutzt wird. Gerade beim Thema Öffentlichkeitsarbeit, sagte der Leiter einer KWer Oberschule so schön, dass der Kampf auf der Straße im Neubaugebiet bereits verloren sei. Dagegen zu halten mit Pressemeldungen bringt in meinen Augen jedoch nichts. Die Informationsbeschaffung findet eben nicht mehr in der (zudem deutlich minimierten) Lokal-Presse statt. Ich vertrat auch hier die Meinung, jeder der aktiv in sozialen Netzen ist, sollte seine Stimme einsetzen gegen Hetze und Gerüchte und selber Positiv-Beispiele verbreiten. Dabei ist die Aussage, dass es KWer Schulen und Kitas ohne Probleme geschafft haben, je 10-20 Flüchtlingskinder aufzunehmen ohne Dolmetscher oder sonstiger Unterstützung ist genau solch eine positive Meldung wert wie die, dass die Polizei seit längerem einen Aufklärungskreis gebildet haben, der Geflüchteten das Grundgesetz vermittelt und sich selber sprachlich weiterbildet. Alle an dem Tag Anwesenden machten deutlich, dass sie ihr bestmögliches beitragen wollen, um echte Integration zu leisten.

Ich selber nutze jetzt hiermit meine kleine digitale Reputation, um selber auf diese kleinen Erfolge hinzuweisen. Dafür werde ich gezielt Beispiele von erfolgreicher Integration aus anderen Orten sammeln und den Engagierten als „Best Cases“ bereit stellen. Ich hoffe so, mit der Kompetenz zu helfen, die ich am besten vertreten kann.

Helfen hilft auch mir selbst.

Ich bemerke schon in der kurzen Zeit von ein paar Monaten, wie mir selber diese Hilfe gut tut. Ich lerne plötzlich unglaublich tolle Menschen in meinem Ort kennen, fernab von Einkaufen oder Kita oder gar der eigenen Branche. Mein lokaler Wirkungskreis hat sich verbreitert und ich verwurzele mehr mit meiner Heimat und sehe noch viel mehr Potenziale, das es auch dieser kleine Ort Königs Wusterhausen schaffen kann, Geflüchteten eine sichere Zuflucht zu geben.

2 comments on “Was tun, bevor es brennt?

  1. Danke für diesen tollen Blog -Artikel. Besonders der letzte Absatz hat es mir angetan. Ich bin zwar nicht aus KW, aber mir geht es genauso. Ich fühle mich viel verbundener mit der Region, seit ich mich für Flüchtlinge engagiere.

  2. Liebe Jana, bin über facebook auf deinen blog gekommen und bin sehr amüsiert . . danke für die ehrlichen worte der alltagsgemütlichkeit . . viele liebe grüsse und eine besinnliche vorweihnachtszeit . . nadine

    p.s. bin die schwester von martin albrecht – wir kennen uns vom jrk aus kwh! 😉

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