Umso mehr ich weiß, umso weniger verstehe ich.

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Ich glaub, ich bin ein belesener Mensch, versuche allerlei Themen einzusaugen in Fachliteratur, in Seminaren, in Zeitungen, in Gesprächen. In den letzten 4 Jahren ist mein Wissen in lauter neuen Feldern gewachsen. Nachdem ich mich im Informatik-Studium und meinen ersten 10 Jahren Arbeiten mit Digitalisierung und vor allem Technik befasst habe, interessiert mich nun der Mensch so viel mehr. Ich möchte verstehen, was den Menschen ausmacht, warum er ist, wie er ist, und was ihn antreibt, was ihn abhält, zu tun, was objektiv richtig wäre.

Ich lese und lerne und sammle Theorien und Modelle, die alle möglichen Perspektiven erlauben. Aber am Ende muss ich mir eingestehen, ich verstehe immer weniger, obwohl ich viel weiß.

🇪🇺Am Sonntag war EU-Wahl und bei uns wurde auch kommunal gewählt. Bundesweit wurde das EU-Wahl-Ergebnis als gutes Ergebnis für Klimapolitik angesehen, aber hier bei mir in #brandenburg in #koenigswusterhausen hat die AfD gewonnen 😩 mit 18,4% vor der SPD 17%, CDU 16,1%, Grüne und LINKE jeweils 13,7%.

Königs Wusterhausen liegt im Speckgürtel und den Menschen hier geht es relativ gut. Wir haben eine Arbeitslosenquote von aktuell 3,6% im Landkreis. DasPro-Kopf-Einkommen steigt seit Jahren, wenn auch nur langsam. Die Lebenshaltungskosten steigen auch leider schneller als das Einkommen durch steigende Mieten (Berliner Mieten-Niveau strahlt aus). Bei 167.000 Einwohnern leben hier 1.200 Geflüchtete, was 0,71% entspricht, neu dazu gekommen sind seit 2016 kaum noch welche. Soweit die Fakten.

Es gibt unklare Vorstellungen von Zukunft und Prioritäten.

Ja, es gibt hier wie überall auch Probleme. Es gibt unklare Vorstellungen von Zukunft und Prioritäten. Es gibt entscheidungsmüde Landespolitiker und überambitionierte Ego-starke Kommunalpolitiker. Es gibt Engagement, es gibt Zuzug vor allem aus Berlin, es gibt das Schlafstadt-Phänomen (Arbeiten in Berlin, schlafen in KW), es fehlen soziale Einrichtungen und die Infrastruktur wurde an vielen Stellen zu lange gespart.

Aber letztlich kann man hier ganz gut leben. Ich bin hier ausgewachsen und war immer froh, meinen Kindern, die gleiche Idylle bieten zu können, wie ich sie als Kind und Jugendliche wirklich sehr genossen habe. Ich verstehe die politischen Probleme ganz gut, sehe aufwachende Ambitionen bei jungen und neuen Politikern in den „alten“ Parteien und habe Hoffnung.

Jeder 5. meiner Nachbarn hat AfD gewählt.

Was ich nicht verstehe, wie man dennoch aus Trotz oder Frust oder noch schlimmer aus Überzeugung seine Stimme der AfD geben konnte. Jeder 5. meiner Nachbarn hat das getan. Die AfD ist hier kommunal angetreten mit einem Wahlprogramm, was eine DIN A4 Seite umfasste, was quasie keinerlei Forderung enthielt. Das einzig konkrete war kein weiterer Zuzug von Flüchtlingen. Die AfD hat Leute aufgestellt, die vor allem durch Beleidigungen auffielen, weniger durch Sachdebatten. Und ich verstehe nicht, wie man solche Menschen, die direkt nach der Wahl anfangen, sich den „Erfolg“ gegenseitig streitig zu machen, ernsthaft wählen kann. Ich verstehe es wirklich nicht.

Die Zeit des Verzweifelns die letzten beiden Tage ist vorbei. Ich kann hier nicht weg. Das hier ist meine Heimat und ich gebe sie nicht kampflos an Menschen ab, die glauben Zukunft läge im Protektionismus und Einschließen einer Was-auch-immer-Kultur. Im September wird hier eine neue Landesregierung gewählt und aktuell sieht es so aus, dass wir den ersten AfD MP bekommen. Ich hoffe und fordere inständig, dass sich die restlichen Parteien zusammenreißen, ihre Egos und Machtgelüste einstecken und wirklich gemeinsame Sache für die Zukunft der Menschen hier machen, dass eine CDU sich nicht der Verführung hingibt mit der AfD zu koalieren, dass die Landes-SPD klare Koalitionsabsichten vor der Wahl abgibt und sich aus dem beschaulichen Potsdam (EU-Wahl Grüne gewonnen 23,2%, AfD 10,9%) ins Hinterland begibt und den Menschen zuhört und anerkennt, dass wir ein Stadt-Land-Problem haben. Nicht reden, zuhören. Dass die Linke wieder lauter wird für soziale Gerechtigkeit, dass die Grünen für ökologisch, zukunftsfähigen Rahmen einstehen. Die FDP das Marktpotenzial von Brandenburg deutlich macht und die Finger von populistischen Schnellschuss-Statements lässt. Zusammen könnte da was rauskommen. Zusammen wärt ihr mehr als die Summe eurer Parteiprogramme. Zusammen könntet ihr Zukunft. Zeigt, dass man kein Patriot sein muss, um sein Land zu lieben.

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