Streit mit #besterehemann

IMG_0268-1.JPG

Auf Instagram gibt es seit einiger Zeit unter den Bild-Bloggenden Mamas den Hashtag #besterehemann. Nachdem die Kinder und das Leben mit Kindern in den Vordergrund rückten, wird nun der Mann hinter/vor/neben der Frau umgarnt und dem weiblichen Publikum als reiner und einzig wahrer Glücksgriff präsentiert. Ich kann das nachvollziehen, denn auch ich habe eins dieser Exemplare erwischt #besterehemannderwelt.

Mein #besterehemann

Mein Mann respektiert mich zu 100%. Hinter all meinen Plänen und Wünschen steht er voll und ganz; sind sie auch noch so verrückt oder schwer erreichbar. Das geht von mal schnell vor Weihnachten neues Laminat verlegen und das komplette Wohnzimmer neu machen bis hin zu Vollzeit arbeiten mit zwei Kindern, auf einen Halbmarathon trainieren in der wenigen Freizeit. Er macht einfach alles mit, oft ohne Diskussionen. Und vor allem, er kümmert sich um unsere Kinder. Ich habe noch nie in den fast 5 Jahren mit Kindern den Satz aus seinem Mund gehört: „Du wolltest doch die Kinder!“ Alles, was man eben so durchmacht in der Kleinkindzeit stehen wir gemeinsam durch. Und selbst den Haushalt macht er mit; ich würde fast sagen zu 50%.

Mama-Blogs ganz ohne Beziehungsprobleme

Ich lese seit Kind zwei gern in Mama-Blogs. Fühle mich gut aufgehoben, wenn dort Frauen die gleiche Anstrengung beschreiben, die ich im Alltag verspüre. Ich lese dort über Kindererziehungsmethoden, bindungsorientierte Elternschaft, Reisen mit Kindern, Arbeiten mit Kindern, Hausbauen mit Kindern, Basteln, Nähen, Kochen mit und für Kinder und aber auch Probleme und das unendliche Glücksgefühl, die das Kinderhaben mit sich bringt. Was ich nicht lese, sind die Probleme in der Partnerschaft, die eintreten, sobald Kinder das zweier-Konstrukt „erweitern“. Ich lese in Elternzeitschriften davon, wie wichtig es ist, sich Zeit zu zweit zu gönnen und dann nicht nur über die Kinder zu reden. Ich lese davon, wie wichtig oder auch mal unwichtig funktionierende Sexualität in einer Partnerschaft ist, von allerlei Tipps, wie man „richtig“ streitet. Und ich lese davon, wie das Modell Patchwork funktionieren kann.

In einer Zeitschrift schreiben dann oft Journalisten und „Experten“ oder es werden anonymisierte wahre Geschichten erzählt. Warum denn nur? Ja, das ist privat! Was ein Paar an Kämpfen austrägt, wenn die Kinder im Bett sind, der Haushalt erledigt und die wichtigste Arbeit getan ist, beschreibt man nicht in Blogs. Dazu gehören ja immerhin zwei. Was würde der #besteehemannderwelt dann sagen, wenn die Frau den Ehestreit im Blog dokumentiert? Ich jedoch möchte auch darüber schreiben! Und wenn ich darüber schreibe, hole ich mir das Ok von meinem Mann. Und vielleicht schreibt er ja auch mal, wie es für ihn ist, Mann zu sein in einer Zeit zwischen perfekter Vater, Karriere und sensibler Ehemann.

Ja, wir streiten!

Bei uns steht aktuell der Wechsel zurück in die echte #Vereinbarkeitsherausforderung an. Ich gehe wieder Vollzeit arbeiten und er auch. Wir beide lieben unsere Arbeit. Alle Projekte, die wir machen, nehmen uns jeweils komplett in Anspruch. So ist es oft schwer, den Aus- bzw. Umschalter zu finden und nach der ersten Arbeitseinheit am späten Nachmittag auf Familienmodus umzuschalten. Sind die Kinder im Bett gibt es bei uns immer ein gemeinsames Abendessen oder einen Tee. Dann wird in Ruhe geredet über den Tag, über die Kinder über die Arbeit. Danach wird oft weiter gearbeitet; zusammen am Esstisch sitzend (irgendwie romantisch find ich).

Und seit meine Rückkehr in die Vollzeit ansteht, wird die Stunde auch schon mal mit Streiten gefüllt. Ja, ich möchte niemanden vorgaukeln, zwei Kinder zu haben und Vollzeit zu arbeiten beansprucht nicht die Beziehung. An der Beobachtung von allen Partnerschaften im kinderreichen Freundeskreis würde ich mir fast anmaßen zu behaupten, jede Partnerschaft wird ganz hart auf die Probe gestellt, sobald das erste Kind da ist. Aber darüber sprechen nicht viele. Selbst die eigenen Kinder sollen nicht mitbekommen, wenn Mama und Papa streiten.

Die Top-5 der Streitthemen

Worüber streiten wir dann? Ein schwuler Freund erklärte mir mal, dass es in Partnerschaften immer die gleichen 5 Themen gibt, über die gestritten wird, wobei bei den Schwulen das 5. Thema wohl eher selten auf den Tisch komme:
1. Geld
2. Haushalt
3. Zeit (beinhaltet Familien-, Arbeits, Partner- und Ich-Zeit)
4. Gefühl & Liebe
5. Sex

Schafft man es, genug zu verdienen und sich eine Putzfrau zu leisten, drehen sich fast alle Streitigkeiten um Zeit und Gefühl. Und das sind nun mal die Themen, die am schwersten zu händeln sind. Zeit ist knapp gerade mit zwei Vollzeit Eltern und zwei Kindern. Wer da nicht gleichberechtigt plant und bespricht, ist sofort im Thema vier.

Und das ist aktuell unser Problem. Ich bin seit 10 Monaten fast komplett zu Hause, arbeite quasie nebenbei und im Hobby-Modus. Habe kaum Deadlines und konnte jeden Termin vom Mann ermöglichen. Nun müssen wir wieder in den Modus zurückkommen, dass ich nicht mehr jeden seiner Termine realisieren kann und natürlich auch mehr Familienzeit von ihm einfordere. Und schaffen wir es bei der Abstimmung nicht 100% sachlich zu bleiben, sind wir sofort in der Gefühlsebene. Dann ist es so, als wenn 100 Jahre Emanzipation über einen herüberschwappen. Da kommen einem plötzlich Sätze in den Kopf, die man doch alle NIEMALS sagen wollte. „Er nimmt mich nicht Ernst!“, „Er respektiert meine Arbeit nicht genauso wie seine!“ vs. „Sie will doch genug Geld haben für all die schönen Sachen!“, „Ich kann es ihr nie Recht machen!“ Und bei mir rollen dann oft vor Wut die Tränen. Das hasst mein Mann, weil er sich dann instinktiv im Beschützermodus versetzt sieht, wo er doch eigentlich um seine Argumente kämpfen wollte. Oft gibt es dann eine Pause ohne Ergebnis. Und dann versucht jeder irgendwie des lieben Friedens wegen Abstriche zu machen, klein-bei-zu-geben, was ok sein kann. Aber immer öfter wissen wir beide, wir haben uns zwar geeinigt, aber zufrieden ist keiner damit und nicht selten geht der Streit dann in die zweite Runde.

Streitbrecher = Kinder

Und DANN schreit, weint eines der Kinder und der Streit wird unterbrochen und oft auch nicht zu Ende geführt. Die Regel, keiner geht ins Bett mit einem ungeklärten Konflikt, funktioniert einfach nicht mit Kindern. Am nächsten Morgen rast der Alltag wieder über einen herein und sind dann erst die Kinder im Bett, ist man müde und hat eigentlich gar keinen Bock mehr auf diese endlos-scheinenden Diskussionen. Und dann gibt es diese eine kleine Situation, die das Thema wieder anfacht und alles geht von vorn los. Dazwischen können mit unter Wochen voller Harmonie liegen. Wenn man Glück hat, sind dann die Kinder vielleicht schon aus dem Gröbsten raus und das Thema hat sich erledigt.

Im Ernst, ich kann hier noch keine Lösung vorschlagen und will auch nicht ein Endszenario aufzeigen. (Auf keinen Fall fange ich an, mich mit Patchwork auseinanderzusetzen.) Ich möchte deutlich machen, dass das Thema Vereinbarkeit sicher ein hoch politisches ist, aber viele Probleme liegen auch zu Hause. (uiui bei dem Satz wird mich der Ehemann/SPD-Genosse politisch belehren). Ich würde mir wünschen, ich hätte mit der Geburt des ersten Kindes Anrecht auf eine Paar-Therapie.

Warum soll man da denn erst hin, wenn alles kurz vorm Aus steht. Am Ende ist doch alles Kommunikation und bei der gibt es doch Experten, die helfen können. Denn ganz ehrlich, man kann sich als Paar zwar Kommunikationsregeln verhängen, aber ein Beziehungs-Streitgespräch ist nun mal kein Feedbackgespräch. Da gibt es keinen objektiven Schiedsrichter, Streitschlichter. Da müssen wir immer irgendwie allein zu zweit durchsegeln und tragen unser ganzes Paket geprägt durch die eigenen Eltern, Gesellschaft und eventuelle Führungskräftetrainings mit.

One comment on “Streit mit #besterehemann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.