Gestohlene Zeit

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Früher, damit meine ich damals, als ich noch keine Kinder hatte, habe ich viel Zeit einfach nur verplempert. Das war mir damals gar nicht so aufgefallen, weil ich mich trotzdem immer gestresst gefühlt habe. Erst seit ich mit Kindern arbeite und gezwungen bin jede Stunde ganz genau zu planen, sehe ich meine Ineffizenz von damals. Ein Moment des Nichts-tuns gibt es eigentlich nicht. Viel mehr muss jede freie Minute genutzt werden: während dem Haare fönen, dem Kind beim Zähneputzen helfen, während der Kaffee läuft, schon mal das Obst schneiden, während des Mittags Arbeitsdinge klären, während der Autofahrt telefonieren, während des Meetings den Einkaufszettel schreiben, während dem Präse bauen, Mails schreiben. Jeder Moment wird ausgefüllt mit Aufgaben, die halt gemacht werden müssen. Wartezeiten werden dank iPhone immer gleich mit Dingen gefüllt. Rumsitzen und nichts tun fällt mir schwer, weil ja trotz allem so viel ist, was man nicht schafft. Ich habe sogar eine Liste in Evernote mit Dingen, die ich tun kann, wenn ich plötzlich mal Zeit geschenkt bekomme.
Heute schaue ich wehmütig auf diese Zeit des Verplemperns zurück. Was war das toll, ein ganzes Wochenende sich treiben lassen, nichts planen, nichts müssen. Heute weiß ich auch, wie ineffizient ich damals gearbeitet und gelebt hab und dass ich vieles mit ein bisschen mehr Organisation schneller hätte schaffen können. Im Endeffekt arbeite ich heute die gleiche Anzahl von Stunden wie damals, aber arbeite trotzdem mehr, bzw. schaffe einfach mehr. (Übrigens sollte man echt langsam mal anfangen Arbeitsleistung nicht mehr in Stunden, sondern in Ergebnissen zu messen.)

Nun seit Kind 2 da ist und das Arbeitsleben mich in Vollzeit wieder hat und die Zeit für mich auf quasie Null gesunken ist, habe ich mir etwas angewöhnt, ich stehle mir Zeit … jeden Tag ein bisschen.

Wenn ich auf Arbeit fahre und eingeparkt habe und eigentlich losrennen müsste, um pünktlich am Arbeitsplatz zu sitzen oder ein Termin auf mich wartet, bleibe ich 5min im Auto sitzen und tue NICHTS. Ich schaue raus und denke nach oder schaue aufs Handy (nicht in Mails). Ich schalte auch nicht auf Arbeitsmodus um oder mache sonst irgendwas wichtig erscheinendes. Denn ich mache ja einfach NICHTS.

Das mache ich auch, wenn ich abends oder nachmittags wieder zu Hause ankomme. Ich steige nicht gleich aus und renne ins Haus, wo mich der Kinderwahnsinn erwartet. Ich bleibe kurz im Auto sitzen und stehle mir von meinem effizient zusammen geplanten Tag weitere 5 min. Wenn ich dann die Kinder versorgt haben und den Großen oder Kleinen ins Bett bringe und sie eingeschlafen sind und ich eigentlich schnell aufstehen müsste, um aufzuräumen, die Wäsche zu machen, mit dem Mann zu reden oder auch ganz wichtig zu arbeiten, bleibe ich liegen und mache schon wieder NICHTS für weitere 5min.

Auch auf Arbeit gibt es sie diese mir gestohlenen 5min NICHTS. Z.B. wenn ich mir einen Tee oder Kaffee mache. Dann bleibe ich in der Küche stehen und mache einfach 5min NICHTs. (das Beispiel mit länger auf Klo sitzen bleiben, sollte ich laut #besterehemann lieber rausnehmen. Frauen, die lange auf Klo sitzen, seien so unsexy – logo?)

Die 5min NICHTS Tun haben sich eingeschlichen ganz langsam und jetzt fange ich an, sie sehr zu genießen und merke, dass sie wichtig sind, um bei mir selbst zu bleiben. Um mir eine Chance zu geben, abzuschalten, mich zu erden, immer ein bisschen. Mit dem #besterehemann habe ich öfter die Diskussion, dass es ja ungerecht ist, wenn er als Raucher immer am Tag (nach dem Frühstück z.B.) raus geht und 5min die Familie und alles andere hinter sich lässt. Er ist dann weg von den Kindern und allem. Ich fand es immer gemein, dass ich als Nicht-Raucher diese kleinen Auszeiten nicht habe. Und er sagte mir, dass ich mir diese Zeiten doch auch nehmen könne und das mache ich eben jetzt mit meinen kleinen 5min-NICHTS.

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