Gespannter Bogen

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„Sitz grade!“ sagt der Sohn oft zu mir beim Essen. Ich habe ihm mal gesagt, dass er da bei mir aufpassen soll. Seit dem macht er das immer. Jedes Mal, wenn ich am Esstisch wieder in mich zusammen sacke und sein Sitz-Grade höre, straffe ich mich auf und bin ganz gestreckt. Ich neige dazu, mich zusammen zu kauern, beim Gehen, beim Sitzen, fast immer. Irgendwie will ich mich immer ein ganz klein bisschen verstecken. Damit wollte ich aufhören und nahm mir vor, mehr auf meine Gestrecktheit zu achten.

Und so lief ich gerader und gestreckter durch den Tag. Kopf nach oben, Schultern nach hinten, Brust raus das macht viel aus. Ich komme mir größer und erscheinender vor. In jedem Meeting und selbst im Auto achtete ich darauf, dass ich nicht wieder in mich zusammen sacke. Einen ganzen Tag habe ich das durchgehalten. Bis ich nach Hause kam und aus schlechtem Gewissen doch noch mal den Rechner anmachte. Ich laß gestreckt den Text und merkte, wie es sich in mir zusammenzog. Ich wurde wieder rund, nur diesmal anders. Ich war rund, aber auch gespannt. Gespannt wie ein Bogen. Ein Bogen, der durch ein unnatürliches Seil zusammen gezogen wird. Ich schlief schlecht, weil da etwas in mir nicht mehr stimmte, etwas musste „abgeschossen“ werden. Und dann ohne es zu planen, ging der Pfeil am nächsten Tag los. Es war eine spontane, völlig ungeplante und total riskante Entscheidung. Der Pfeil ist raus und das Seil gerissen und ich bin endlich ganz von allein gerade und gestreckt.

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