Hilfe, ich bin eine Mama!


Wer hätte das gedacht. Vor drei Monaten habe ich meinen Beitrag zum Fachkräftemangel in Deutschland geleistet und stelle dem Arbeitsmarkt für 2024 eine hochqualifizierte Arbeitskraft zur Verfügung. (Es sei mal davon auszugehen, dass mein Sohn sehr schlau ist und zudem das deutsche Bildungssystem reformiert wird und eine schnellere Ausbildung möglich ist.) In die entsprechende Basis in Form von Frühförderung (Babymassage, PEKIP, Babyschwimmen, etc. ) bin ich gern bereit zu investieren.

Ich bin Mama???!“

Diesen Satz leicht über die Lippen zu bekommen, dauerte etwas. Evolutionär und biologisch betrachtet, hat das schon seine Richtigkeit. Und irgendwie bin ich ja damit nur dem politischen Ruf nach Akademiker-Nachwuchs gerecht geworden. (Ich nehme meine gesellschaftlichen Pflichten sehr Ernst.) Warum fällt es mir nun drei Monate nach der Geburt meines Sohnes manchmal noch immer schwer von meinem Vollzeitjob als Mama zu sprechen?

Ich nehme meine gesellschaftlichen Pflichten sehr ernst!

Betrachte ich mir mein Leben vor dem Mama-Sein, so habe ich genau den Weg eingeschlagen, den die Gesellschaft von mir verlangt (ich nehme die gesellschaftlichen Pflichten wirklich seeehr ernst): ich habe Grundschule und Gymnasium in vorgeschriebener Zeit und recht gut abgeschlossen. Ich habe ein technisches Studium in Regelstudienzeit absolviert und stand dem Arbeitsmarkt ohne Pause direkt nach Erlangen des Diploms zur Verfügung. Ich war meinen Arbeitgebern stets eine vorbildliche Angestellte. Ich machte Überstunden, wenn es nötig war. Der Gedanke ein Kind zu bekommen und in meine Karriere zu integrieren, lag mir völlig fern. Dazu kam auch, dass ich mit kleinen Kindern, insbesondere mit Babys kaum etwas anzufangen wusste. Nichts lag mir ferner als meinem Profil die Tätigkeit Mama hinzuzufügen.  Sicher gab es da mal hin und wieder biologische Bedürfnisse (Was wär die Welt ohne Hormone?). Diese konnte ich jedoch mit der Anschaffung eines Hundewelpen vorerst erfolgreich befriedigen.

Aus Frau wird Mama

Es ist also ganz verständlich, dass mein neues Selbstbild Mama noch nicht ganz zu mir passen will. Wenn ich andere Mamas treffe, verblüfft mich manchmal ihre absolute und ausschließliche Hingabe zu ihrem Kind. Wo nehmen sie nur diese übergroße Unmenge an Muttergefühlen her? Sind sie schon mit Schwangerschaftshormonen auf die Welt gekommen?

Nun gut, hat ja frau immerhin neun Monate Zeit, sich auf die neue Mama-Identität einzustellen. Und spätestens bei der Geburt dann fließen die Tränen wegen der unglaublichen Schöpfung in Babygestalt. Bei mir war das nicht so. Als ich meinen Sohn nach einem besonders anstrengenden Yoga-Programm (=Geburt) in meinen Armen hielt, war ich verblüfft, wo dieses fertige Menschlein nur herkommt. Das konnte doch unmöglich so in mir drin gewesen sein. Ich sollte dann auch gleich die erste Nacht mit meinem MiniMe verbringen, und zwar ganz allein. Als mir meine Hebamme meinen Sohn ins Bett legte, musste ich sie fragen: „Was mach ich denn, wenn er schreit?“ Immerhin war mir bekannt, dass Babys das öfter mal tun. Sie sagte nur ganz gelassen: „Dann beruhigst du ihn eben.“ „Und wie?“ war meine Frage. „Das wirst du dann schon wissen.“  Har Har, wie soll man denn so entspannt schlafen?

Wie gern hätte ich in diesem Fall eine Ikea-typische Schritt-für-Schritt-Anleitung mit bekommen. Dummerweise hatte ich nämlich komplett auf das Lesen von Ratgeber-Büchern verzichtet, weil ich mir doch tatsächlich einbildete, das würde meinen natürlichen Instinkt vernebeln. Diese erste Nacht ging vorbei und der erste Morgen in meinem neuen Leben kam.  So langsam wurde mir klar, dass Luka nun wirklich da ist und für immer bleiben wird. Aber anders als ich gedacht hätte, hat mein Körper gar nicht mit völliger Panik, sondern mit totaler Ruhe reagiert. Und wenn ich Luka ansah, gab es ein ganz neues Gefühl, was mir völlig neu war – abgrundtiefe Liebe und Unmengen an neuen Hormonen. Das ist schon praktisch, kaum haben sie frau so ein kleines Wesen hingelegt, übernimmt der Körper die Kontrolle über die Gefühle, so dass frau gar nicht mehr anders kann als völlig hin und weg von ihrem Zwerg zu sein und alles andere kam tatsächlich von ganz allein. Alles funktioniert einfach.

Auch eine Mama muss heranwachsen.

Nur dauert es eben noch ein bisschen, dass mir meine psychische Identität als Mama voll und ganz bewusst wird, dass es mir auch gegenüber Kollegen leicht fällt, vom Mama-Sein zu reden. Vielleicht trau ich mich ja bald auch in mein XING Profil einzutragen, dass ich in Elternzeit bin. Aber vorerst behaupte ich einfach, ich versuche mal was Neues: Headhunter für Fachkräfte mit intensivem Mentoring-Programm. Dass ich nur einen Kunden, meinen Sohn habe, muss ja nicht gleich jeder wissen. Und zur Übung nutze ich den Satz „Ich bin immerhin eine Mama!“ sehr erfolgreich als unschlagbares Argument in Diskussionen mit meinem Mann.

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