Die Gott-Temperatur

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Im August waren wir zu zweit ohne Kinder in Rom. Wir besuchten all die Orte, die man eben so in Rom gesehen haben muss. Darunter bestimmt an die 15 Kirchen. Jede Kirche hatte eine andere Atmosphäre. Manch eine Kirche war irgendwie „göttlicher“ als andere. Ich habe diese Wahrnehmung an mir selber beobachtet und genauer hingesehen und hingespürt.

Ich bin nicht christlich erzogen, kenne mich jedoch in vielen Religionen gut aus. Ich habe ein gesundes Weltbild und glaube sehr wohl an die Errungenschaften der Wissenschaften. Ich bin froh, dass der Mensch irgendwann erkannte, dass sein Werden und Sein im Diesseits eben in seinen eigenen Händen liegt. Und doch fragte ich mich in den Momenten, wo ich ganz hinten auf einer Gebetsbank saß und Menschen beim Beten zusah, ob mir nicht etwas fehlt. Ob mir ein Dialog mit einer höheren Macht fehlt, der Glaube an etwas, was mehr ist, als das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können.

Im Petersdom beobachtete ich zwei Familien: Eine nahm in einer Kapelle Platz und betete ganz selbstverständlich. Das kleine Mädchen, was dazu gehörte machte alles ganz automatisch mit. Jedoch wurde sie irgendwann unruhig und schaute vom Boden auf und interessiert zu den anderen Leuten während ihre Eltern in sich gekehrt auf den Knien weiter beteten. Die Mutter schloss als letzte ihr Gebet ab und bekreuzigte sich. In dem Moment beneidete ich sie um diese Rituale, die Selbstverständlichkeit, überall an einen heiligen Ort gehen zu können und in einen Dialog mit Gott treten zu können. Ich sah da vor mir einen Kanal, den ich für mich nicht öffnen kann. Das ist wie medial ausgeschlossen zu sein, abgehängt und nicht in Empfangsweite.

Eine weitere Familie stand fast schon am Ausgang des Petersdoms in einer dunklen Nische. Zu dritt hielten sie sich in den Armen und weinten. Welche Gebete haben sie wohl gesprochen, dass sie zu dritt im Petersdom verweilen? Trotz der Traurigkeit des Anblicks strahlten sie keine Verzweiflung aus. So wie sie dastanden, strahlten sie die absolute Akzeptanz des weltlichen Schmerzes aus.  Sie trugen ihn und waren darin vereint. Hier sah ich Vergleiche mit unseren nicht-gläubigen Familien: jeder trauert für sich allein, doch der Glaube an Gott scheint die Trauerenden zu vereinen. Auch hier sind sie sich wieder sicher, einen gemeinsamen Kanal zu nutzen.

Nun könnte ich ja einfach anfangen zu glauben, jedoch müsste ich dann die enorme Abneigung gegen den Apparat Kirche überwinden und das ließe mein weltlicher Geist und meine Überzeugung nicht zu.

Trotzdem oder genau deshalb glaube ich anders. In Rom und auch später bei der Sankt Martins-Andacht der Kita fragte ich mich, was ist das, was ich in einigen Kirchen spüre? Ich sprach am Abend mit meinem 7-jährigen Sohn darüber und er hatte die wohl beste Antwort darauf:

„Mama, das ist die Gott-Temperatur, die man in Kirchen spürt.“

Meine Söhne besuchen eine evangelische Kita und besuchen dort einmal die Woche einen Kinder-Gottes-Dienst. Zu Hause spielt Gott oder die Kirche keine Rolle bei ihnen, aber sie haben eine Vorstellung von den Geschichten um Jesus und Gott. Mein 7-jähriger Sohn glaubt an Gott, ohne dass wir ihm das zu Hause je nähergebracht hätten. Für ihn ergeben einfach all die Sachen in der Bibel Sinn. Das Konzept der Seele ist für ihn von Grund auf logisch. Er glaubt daran, dass er sich als Seele uns als seine Eltern ausgesucht hat. Er glaubt daran, dass die Seelen der Menschen gut oder böse sein können. Er meint die Seele eines Menschen würde im Mutterleib in das Baby fahren. Einmal sagte er abends beim Einschlafen:

„Mama, glaubst du, wenn man tot ist, dass die Seele dann ganz lange träumt? Tot Sein ist ja wie ganz lang schlafen. – Obwohl meine Seele kommt ja dann wieder in ein neues Kind, was geboren wird. Und meine Seele bin ja ich. – Die Welt ist schon ganz schön cool.“

Der Tot hat auf ihn eine gleichwertige Daseinsberechtigung genau wie die Geburt. Als mein Opa gestorben war, war er fast 4 Jahre alt und hat bei der Trauerfeier nicht geweint, sondern mir bei meiner Trauer beigestanden. Als die Mutter einer Freundin letztens starb, fragte ich ihn, was ich denn bloß zu ihr sagen solle.

„Mama, deine Freundin hat doch Freunde wie dich, oder? Dann kann sie glücklich sein und wird das schaffen.“

Mich haut diese Kinderweisheit so oft aus den Socken, dass ich ganz verdattert nichts zu erwidern habe und hinterher noch kaum glauben kann, wie recht er doch hat. Ich hörte einmal den Spruch, dass unsere Kinder unsere Lehrmeister seien, da sie in der Evolution uns ja einen Schritt voraus seien, dass nicht wir ihnen etwas beibringen können, sondern wir von ihnen lernen müssten.

Wenn ich das Konzept um Gott nun aber löse von der Institution Kirche und Religion, entwickle ich in letzter Zeit einige Theorien oder Ansichten, um mir die „Gott-Temperatur“ zu erklären. Denn hinter all den Religionen stellt sich doch die eine Frage, warum glauben die Menschen noch immer, wo sie es doch nicht mehr müssen?

Und warum ist die Sinnsuche gerade bei „Ungläubigen“ ein so großes Geschäft mit der Esoterik-Industrie oder dem Extremismus jeglicher Form? Muss der Mensch vielleicht einfach glauben? Ist das ein Grundbedürfnis, was uns hilft, unseren Platz in der Komplexität der Welt zu sehen?

Was steckt hinter der Energie von Glauben? Vor allem in der Basilica di Santa Maria in Trastevere in Rom spürte ich eine besondere Energie. Seit ich beruflich darauf angewiesen bin, Stimmungen in Räumen und bei Menschen viel stärker wahrzunehmen, sind bei mir auch irgendwelche Kanäle offen, die vorher schön verklebt waren. In dieser Kirche war ich überwältigt, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Irgendetwas war da an dem Ort, was ich mir nicht erklären konnte. Der Ort war zeitlos und irgendwie auch raumlos. Nach draußen in den heißen August-Abend zurück zu gehen, sich dem Treiben auf dem Piazza di Santa Maria hinzugeben, war fast surreal. Was spürte ich da? Die Frage danach ließ mich nicht los und so dachte ich noch Monate später darüber nach und entwickelte meine eigene Theorie:

Was wäre, wenn Menschen durch das Gebet im tiefen Glauben so etwas wie eine Engergiespur hinterließen und über die Jahrhunderte lässt sich diese Energiespur erspüren und als etwas „Göttliches“ wahrnehmen, quasie als energetischer Trampelpfad durch Raum und Zeit. Was also wäre, wenn das Göttliche eigentlich aus dem Menschen käme? Wenn also das Zitat

„Jesus sprach: Das Reich Gottes ist in dir und um dich herum, nicht in (prachtvollen) Gebäuden aus Holz und Stein. Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und du wirst mich finden“

aus dem Film Stigmata nun doch keine Erfindung der Filmemacher sei, sondern den tatsächlichen Geist des Christentums widerspiegeln würde?

Das würde auch erklären, warum die Atmosphäre in besonders alten Städten mit viel Geschichte so anders ist -warum wir dort etwas Anderes wahrnehmen – viele Menschen haben über viele Jahre, gar Jahrtausende dort gelebt, erlebt, Energiespuren hinterlassen. Ähnliche Orte sind für mich auch hin und wieder Krankenhäuser und Friedhöfe. Und manchmal ist es auch ein Konferenzraum, wo man schon beim Reinkommen merkt, ‚mein lieber Scholli, hier ist ja eine Bomben-Stimmung’, ohne dass man ein Wort gehört oder ein Gesicht gesehen hätte.

Von der Religion her, wären wir dann beim Buddhismus, der uns modernen (diesseits-zentrierten, selbstlosen, nicht ego-zentrierten) Menschen etwas näherliegt. In jeder Religion findet der Mensch im Gebet oder in jeglicher Art der meditativen Routine einen Dialog mit einer Göttlichkeit in sich selbst. Der Unterschied besteht ja dann lediglich in der Kausalitätskette, wie denn die Göttlichkeit in den Glaubenden gekommen sei oder der Glaubende an das Göttliche kommt. Der Rest in jeder Religion ist sauber gemachtes Storytelling und viel Kampagne.

Weg vom Marketing zurück zum Mensch. Ich habe mich ein bisschen mit Quantenphysik befasst. Habe durch die Ausbildung die Systemtheorie schätzen gelernt und mir durch meine Kreative Rauszeiten Achtsamkeits-Konzepte nähergebracht. Noch habe ich nicht mit Meditieren angefangen, aber sicher kommt das noch, wenn die Morgenroutine der Kinder das zulässt. Und auch die Digitalisierung hat hier einen für mich total logischen Platz. Ich sehe in der Digitalisierung schon immer die Macht und das Potenzial der Verbindung zwischen Menschen, die über Raum-hinweg mögliche Schaffung von Energien, Synergien. Blöd nur, dass das alles so unglaublich technisch aufgeladen ist, dass jede Tool-Debatte an Bibel-Vers-Interpretation erinnert.

Ich glaube mittlerweile im Konzept der Energie steckt viel noch unerforschtes quanten-physikalisches Erklärbares drin und wir alle haben Sensoren dafür, die nicht in unseren Haupt-Sinnen stecken. Ich mag das Konzept der Fein- und Feststofflichkeit. Eigentlich wundert es mich, dass die Entdeckungen der letzten Jahre in der Quantenphysik so wenig in unseren Alltag eindringen. Dass sich unser Zeit- und Weltbild so gar nicht davon beirren lässt. Ich glaube, uns Menschen liegt die Macht inne, Dingen Sinn zu geben. So macht es absolut Sinn, dass es in mittelbarer Zukunft Androiden gibt, die aufgeladen durch menschliche Energie oder gar Glauben zu gleichwertigen Wesen erklärt werden. Die menschliche Fähigkeit, Mitgefühl zu spüren für alles „lebend-anmutende“, öffnet den Kanal für Energie-Spuren.

Was würde also passieren, wenn die aktuelle Gesellschaft ohne das Konzept Zeit leben würde? Wenn das Konzept Ego evolutionär aussortiert würde? Wenn wir mit jedem Moment spüren, wie doch alles mit allem zusammenhängt, dass es kein Gestern, kein Heute und kein Morgen gibt, sonders alles ist hier in dir und mir? Wenn wir aus der Gefangenheit der inkrementellen Zerrisenheit des Lebens erwachten und in der alltäglichen Kleinteiligkeit Ganzheit erkennen?

Wie würden wir dann wohl Weihnachten feiern? 😉

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