Brief an mein 32-jähriges-Ich kurz nach der Geburt des 2. Sohnes vor 4 Jahren.

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Liebe Jana,

wer hätte das gedacht, dass du mal zwei Söhne hast, dass du in dieser Kleinstadt leben wirst, wo du aufgewachsen bist, dass du mal ein Reihenhaus kaufst, dass du diesen tollen Mann heiratest, der so gerne Hemden trägt.

In der Nacht 1 Uhr bist du mit eurem kleinen Baby nach Hause gekommen. Direkt nach der Geburt. Es war dir wichtig, gleich wieder im eigenen Bett zu schlafen. Der Große ist noch bei den Großeltern und ahnte doch schon, dass auch sein Leben sich komplett ändern wird.

Du hast eine wunderbar einfache Geburt hinter dir. Erst 18 Uhr hast du dich mit Björn auf den Weg ins Krankenhaus Neukölln gemacht mit dem sehnlichsten Wunsch, nur schnell das Kind zu bekommen und dann wieder nach Hause zu können. So ist es gekommen, kurz nach acht (Primetime) war der Kleine da und vier Stunden später durftet ihr wieder nach Hause.

Du liegst jetzt mit dem Winzling auf der Couch. Der Große wollte dem nun kleinen Sohn die Hand reichen zur Begrüßung und war ganz entrüstet, dass dieser Mini-Mensch ganz ohne Manieren auf die Welt gekommen ist und  nicht mal Guten-Tag-Sagen kann.

Du bist noch berauscht von den Hormonen und der Verblüffung auch beim zweiten Kind, wie winzig so ein Baby sein kann. Der Große erscheint dir nun riesig. Alles klappt erstmal ganz gut, das Stillen, das Klarkommen mit sich und diesem nun ausgezerrten Körper. Die Hormone machen mit dir, dass du auch plötzlich sehr traurig wirst, bei dem Gedanken, dass dies nun deine letzte Schwangerschaft war, dass dieses erste Kennenlernen mit einem Menschleich nicht mehr kommen wird. Du wirst innerlich drüber nachdenken (ach nicht denken nur fühlen), dass ein drittes Kind doch nicht unmöglich wäre.

Das ist genau dieser wunderbar bauschige Moment des ersten Tages mit neuem Baby. Dieser kleine runzlige Körper fühlt sich noch fremd an und du hast noch keine Ahnung, welcher Charakter sich offenbaren wird. Alles scheint möglich.

Alles ist gut. Die Welt ist angehalten und einfach nur perfekt.

Ach mein liebes 32-jähriges Ich. Du hattest an diesem 26. Februar 2014, dem Tag nach der Geburt von dem Kleinen vier extrem anstrengende Jahre vor dir und ahntest das nicht im Ansatz, was auch gut so ist.

Du hast das gut gemacht.

Direkt in der ersten Nacht mit beiden Kindern im Haus, wirst du es schaffen trotz Wochenbett-Schlappheit, dem sich übergebenden großen Kind und dem Mann mit Kreislaufzusammenbruch zu helfen. Der kleine Sohn wird noch gut schlafen und noch besser trinken.

Eigentlich wird er ab da an immer trinken. So wird es nicht verwunderlich sein, dass er innerhalb kürzester Zeit zunehmen wird, statt wie gewöhnlich nach der Geburt abzunehmen. Die liebe Hebamme wird ihren Augen kaum trauen, dass er innerhalb von ein paar Tagen 500g zugenommen haben wird. Leider wird das mit dem Schlafen dann auch nicht so seine Lieblingsbeschäftigung werden.

Der Schlafentzug wird zu deiner persönlichen Folter, die alles um dich herum in graues Licht tauchen wird.

Der Mann wird zu wenig geholfen und zu viel gearbeitet haben, der große Sohn wird zu laut und zu frech sein, die Arbeit zu weit weg und du in der Kleinstadt zu allein sein. Die Kies- und Feldwege nicht so schön, wie damals der große Park in Berlin mit dem großen Sohn. Keine Cafés und keine Freundinnen, die auch zur gleichen Zeit Kinder bekommen haben. Du wirst dir mit deinen 32 Jahren im Vergleich zu all den anderen in Berlin zu jung für 2 Söhne und Reihenhaus vorkommen. Und im Vergleich zu allen anderen in der Kleinstadt wirst du dir zu alt dafür vorkommen.

Zwei Kindern in allem gerecht zu werden, unterschätzt du noch komplett. Obwohl du viel lockerer wirst bei Krankheiten, die es ab dem 2. Jahr zu viert noch viel häufiger geben wird. Du wirst schnell wieder arbeiten wollen und das dann auch nach 6 Wochen bereits teilweise tun.

Trotzdem wirst du den Anschluss an deinen Arbeitgeber verlieren.

Die Welt wird sich weiterdrehen und du wirst Runde um Runde mit dem Kinderwagen über den Steinweg laufen, weil das die einzige Möglichkeit sein wird, dass er endlich einmal schläft. Du wirst heulend auf den Treppenstufen vorm Schlafzimmer sitzen, wenn der kleine Sohn mal wieder nach nur einer halben Stunde seinen Nachtschlaf beenden wird und nach dir verlangt, nur schläft, wenn du neben ihm liegst.

Du wirst heulen auf den Treppenstufen vor der Haustür sitzen, weil Tränen weniger Kraft kosten, als Schreien. Du wirst keine Kraft fürs Ausrasten haben, weil der große Sohn sich eben noch nicht allein anziehen will für die Kita und der Kleine wieder mal schreit in der Babytrage und der Mann auf Geschäftsreise ist. Du willst auch dann noch dem Mann die starke, emanzipierte Frau vorspielen, die alles allein hinbekommt und wirst dich bei diesem Schauspiel Stück für Stück verlieren.

In diesen Jahren wirst du ein Stück deiner Beziehung vergessen.

Da wird kein Platz für Zweisamkeit, für Partnerschaft sein. Ihr beide werdet funktionieren und werdet die best-möglichen Eltern sein, doch nicht die best-möglichen Partner für einander. Du wirst stark sein wollen und wirst schlecht Hilfe annehmen wollen. Er wird dir trotzdem immer wieder helfen und du wirst dich dadurch schwachsinnig schwach fühlen. Irgendwie wird sich über Monate nichts mehr richtig anfühlen.

Nach 11 Monaten wirst du wieder voll anfangen zu arbeiten und spüren, dass dieser Job nicht mehr zu dir passt. Du wirst ihn ablegen, ohne zu wissen, was dann kommt. Du wirst beginnen, dich neu zu erfinden. Erst wirst du das machen, was du kannst, dein Handwerk, Projektmanagement. Du wirst berauscht sein von Anfragen und Aufträgen und dieser Freiheit. Trotzdem wirst du spüren, es ist nicht richtig. Nach einem Jahr Selbstständigkeit werden dich das erste Mal Zweifel zerfressen und du wirst wieder heulen.

Es wird das Jahr kommen, wo von allem nicht genug sein wird:

Nicht genug Aufträge, nicht genug Zeit allein mit dem Großen, nicht genug Zeit mit dem Kleinen, nicht genug Zeit zu zweit, nicht genug Aufmerksamkeit, nicht genug Zeit für dich selbst. Der Mann wird in seiner Kritik härter als du dann ertragen kannst. Es wird dauern, bis du erkennst, dass er in den wesentlichen Dingen doch immer Recht hatte. (Wehe ich werde hiermit jemals zitiert von dir, Björn)

Du wirst dich nicht allein selbstständig machen wollen und wirst ganz schnell ein Netzwerk um dich scharren, wirst den Mann einbinden und dich dann ständig ärgern, dass niemand was tut, außer du selber. Du wirst warten, dass endlich doch mal jemand dir hilft, anstatt du immer um Hilfe gebeten wirst. Und doch wirst du nicht in der Lage sein, Hilfe anzunehmen. Merkste, wa? Teufelskreis.

Nebenbei wird diese Ausbildung laufen und du wirst schön gleichmäßig in deinen Glaubenssätzen irritiert. Du wirst ungeahnt in eine neue Kultur eintauchen, ohne nur das Land verlassen zu haben. Du wirst das Wesentliche im Leben wieder sehen. Das Graue in deinen Gedanken wird nach und nach verschwinden, du wirst anfangen, auszuprobieren. Du wirst Menschen in dein Leben lassen, die dir helfen zu verstehen und zu erkennen.

Du wirst lauter neue Begleiter finden, Manche sind durch den Krieg gekommen, um nun hier zu sein.

Du wirst Vorträge halten und so tun, als seist du Wer. Bis du irgendwann immer sicherer wirst darin zu sehen, dass du Wer bist. Dass du schlau bist, dass du taff bist, dass dein Bauchgefühl ein Geschenk ist und dass du, wenn du nur tust, was es dir sagt, alles gut wird. Dass deine Zweifel unbegründet sind. Du wirst dankbar sein für dich, wie du jetzt bist, nicht wie du mal sein wirst. Du wirst dich zum ersten Mal in deinem Leben ganz perfekt fühlen.

Mein liebes 32-Jähriges Ich, du hast viel vor dir. Ich bin in Gedanken heute ganz nah bei dir und denk mich rein in dieses Gefühl auf der Couch, wo die Welt stillstand, als dieses ständig-heulende-meckernde Kind dann schon am 2. Tag einfach so lächelte.

Wenn ich könnte, ich wär in den schweren Momenten bei dir und würde dir zuflüstern:

„Alles wird gut. DU wirst es gut machen. Deine Entscheidungen werden richtig sein und Sinn ergeben.“

Bis du mit 36 an deinem Rechner sitzen wirst nicht in einem coolen Büro oder Café, sondern an deinem Arbeitsplatz im Dachgeschoss, wo du dann auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurückblickst, wo du dein Umsatz-Quatsch-Ziel sogar erreicht haben wirst, wo ständig neue spannende Aufträge auf dich warten und du soo sehr in deinem Element sein wirst.

Im Herzen wirst du diese unendliche Liebe für diese beiden perfekten und zum Glück gesunden Kinder tragen. Auf dem Schreibtisch wird ein Fotoautomaten-Bild von dir und Björn stehen und du wirst wissen, dass Liebe nie vergeht, sondern immer wieder von Neuem blühen kann, wenn man es nur angeht.

Wer weiß, was schon noch kommen wird. Die Kindersorgen werden auf jeden Fall größer, aber ich war selten so im Vertrauen mit mir, egal was kommt, ich werde das schaffen und mit jedes Tief und Hoch Willkommen heißen und genießen, weil alles irgendwann irgendwie Sinn ergeben wird.

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