7+7 Jahre Du & Ich

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Wir waren beide 21 Jahre alt, als wir uns am 8. Mai 2003, dem Tag der Befreiung, zum ersten Mal trafen. Wir waren verabredet im Havana in Friedrichshain. Ich kam 30 Minuten zu spät, weil ich in der Uni aufgehalten wurde. Ich hatte es irgendwie auch nicht so extrem eilig, weil ich einfach schon da wusste, dass ich mein Leben mit dir verbringen werde. Vielleicht war das der einzige Moment in unserer Beziehung, wo ich geduldig war. 😉
Ich erkannte dich sofort: vor dir eine Afri Cola und in der Hand hielst du Antigone als Reclam-Büchlein. Noch heute ziehe ich dich damit auf, wie du so bewusst intellektuell rüber kommen wolltest. Die Sonne schien, es lag ein wunderschöner Frühsommer über Berlin. Als ich dich so sitzen sah, wurde ich noch ruhiger. Irgendeine Stimme in meinem Kopf sagte mir: das ist der Vater deiner Kinder. Albern ich weiß, aber ich hab da son Ding mit dem Universum, was mir in wichtigen Momenten solche Sachen sagt. Und das war einer dieser Momente.
Nach dem Café gingen wir mit einer Flasche Wein in den Volkspark und wir merkten nicht, wie die Zeit verging. Ich verpasste die letzte Bahn nach KW und blieb über Nacht. Sollte ich denn etwa auf dem Bahnhof schlafen?
Es folgte unser erster gemeinsamer Sommer, unser erster Urlaub mit fast keinem Geld mit Zelt an die Ostsee. Anfang September bezogen wir unsere erste gemeinsame Wohnung in Friedrichshain (400 EUR Warm-Miete 64 qm – Leute). Du hast mich Berlinerin werden lassen. Wir hatten beide keine Ahnung vom Zusammenleben und waren wie Kinder. Alles war neu und frei. Alles schien möglich, das gemeinsame Leben lag vor uns. Erst nach und nach justierten wir unsere Lebensentwürfe zu einem gemeinsamen. Jeder Streit, jede Krise brachte uns einer gemeinsamen Vision näher.
Mal war das Gefühl und die Zuneigung füreinander fast weg. Es blieb aber immer Respekt und die Entscheidung für einander. Es gab Zeiten, in denen war unser Zusammensein eine reine Kopfsache. Das Gefühl und die Leidenschaft füreinander ist eine launische Diva, die nicht immer unsere volle Aufmerksamkeit bekam und bekommt.
Das erste schlimme Krisenjahr (unser 7. Beziehungsjahr) mit Unfällen, Krankheiten, Diagnosen und viel Hoffnung beendeten wir mit dem bedingungslosen Ja füreinander.
Kurz darauf begannen wir die nächste gemeinsame Lebensphase: Elternschaft. Die Ausschläge in emotionalen Höhen und Tiefen waren nochmal größer, Zweifel ein ständiger Begleiter. In Fürsorge um unsere Kinder wurden wir zeitweise einsam zu zweit. Wir begannen uns zu verlieren.
Unser 13. Beziehungsjahr ging direkt ins 7. Ehejahr über – Aberglaube hin oder her, es waren zwei aufreibende Beziehungsjahre: Zwei Söhne, die Raum brauchen, berufliche Ansprüche, die ständig alles auf die Geduldsprobe stellten, gesundheitliche Grenzen, all das haben wir zusammen geschafft, weil wir wissen in den Momenten, wo es drauf ankommt, sind wir stark füreinander. Dann sind wir bester Freund und beste Freundin, dann hören wir auf den Rat des anderen, auch wenn er nervt. Keine Kritik ist wichtiger und härter als die unsere füreinander.
Letztlich mussten wir uns in den letzten zwei Jahren auch immer wieder neu kennenlernen. Jeder von uns hat eine individuelle 180-Grad-Wendung gemacht. Wir sind andere Menschen geworden und mussten uns auch immer wieder neu ineinander verlieben und den Kern immer wieder suchen und erkennen. Wir waren beide auf einer Reise zu uns und sind gerade dabei, wieder aufs Neue zu entdecken, was uns ausmacht.
Vielleicht haben uns die ersten Jahre mit Kindern allein wachsen lassen, um stärkere Äste zu bilden, die unseren Baum ausmachen, der nicht aufhören will zu wachsen. Dieser Baum, der schon so manchen Ast verloren hat und hin und wieder seltsame Blüten und gar Früchte trägt.
Von weitem ist es ein starker Baum, doch nur von Nahem erkennt man, dass wir aus zwei Bäumen einen Neuen gebildet haben, der sich ständig wandelt. Nur unsere Wurzeln lassen sich einfach nicht mehr auseinander halten. Egal, was ganz individuell ein jeder von uns tut, der andere wird mitgetrieben und baut auf die Erfahrungen des anderen auf.
Es ist Symbiose.
Es ist Liebe. Eine Liebe, die immer wieder neu und immer wieder gleichbleibt.
Für die nächsten 7+7+7+7+7+7+7+7 Jahre.
Ich liebe dich.
Weißt du noch, damals im Mai 2003 als du mich am Alex von der Bahn abgeholt hast und ich meinem Discman dieses eine Lied hörte:

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